Backstage: Ein Blick hinter die Kulissen der Gastronomie vom Fernsehkoch Ingo Hahnen Teil 4
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Backstage: Ein Blick hinter die Kulissen der Gastronomie vom Fernsehkoch Ingo Hahnen Teil 4

15.06.2010 | Ingo Hahnen

Die Welt zu Gast bei Freunden oder ein Sommeralptraum

Die Fußball WM 2006 in Deutschland. Endlich ist es soweit. Das größte Fußballfest der Welt beginnt. Ich hatte die Möglichkeit, als freiberuflicher Koch an der WM teilzunehmen oder mich, wie einige Kollegen es getan haben, dem Public Viewing hinzugeben und zu feiern.

Ich habe mich dazu entschieden. als Koch dabei zu sein! Die Wahrscheinlichkeit, eine Fußball-WM im eigenen Land mitzubekommen, hat man vielleicht nur einmal im Leben. Bei der WM im eigenen Land zu kochen, vielleicht nie mehr! Die WM 1974 mit "kleines dickes" Müller und Sepp im Tor war Klasse. Ich war damals sieben Jahre alt. 2:1! Die orangefarbenen Nachbarn weggeputzt!

Ich hatte einige Angebote für die WM 2006 auf meinem Tisch liegen und diverse Verhandlungen so wie Gespräche geführt. Ein Angebot war jedoch unschlagbar. Vor allem, in der Form und Darbietung.

Intergastra in Stuttgart.
Ein Jahr vor der WM 2006 in Deutschland. Doppelzimmer mit einem langjährigen Freund und Kollegen. Dieser arbeitete damals für eine Personaldienstleistungsfirma. "So Hahnen, jetzt hör mir mal genau zu"! Im Hotelzimmer, in dem wir beide übernachteten, lagen Ordner prall gefüllt mit Information rund um die WM. Vorgefertigte Verträge für Mietköche, Bedingungen, Rechtskram, Auflagen und so weiter. Nach einer verbalen Einführung in die Einzelheiten, was da genau auf mich zukommt,  musste ich erst einmal tief durchatmen.

Die Mini-Bar hatten wir schon geleert. An der Hotelrezeption angerufen, ein Taxi bestellt, was zum Mäckes fährt und anschließend zur Tanke, um für Getränkenachschub zu sorgen. Das Zimmer sah aus, als hätten 10 Personen darin gefeiert. Leere Bierdosen, Weinflaschen, Verpackungsmaterial vom Mäckes, volle Aschenbecher. Blauer Dunst und Alkohol geschwängerte Luft mischten sich in meine Gedanken rund um die WM. Wir redeten bis morgens um vier. Wir haben uns alte Geschichten erzählt, Tränen gelacht und uns auf die Schenkel geklopft. Bis heute hat dieses vertrauliche Gespräch nicht das Zimmer verlassen und wird es auch nicht!

Ich habe diesen Vertrag unterschrieben und bei der WM 2006 als freiberuflicher Koch / Küchenchef eingecheckt.

Deutschland gegen Costa Rica. Eröffnungsspiel. Ein paar Kollegen und ich waren in Frankfurt untergebracht. Unser vorerst letzter freier Abend. Dienstbeginn war am nächsten Tag, um zehn Uhr morgens, im Frankfurter WM-Stadion. Also ab zum Mainufer. Public Viewing war angesagt. Mittendrin im Taumel der Fußballfans. Auf einem Transportschiff, was mitten im Main verankert war, war eine Riesenleinwand angebracht. Von beiden Mainufern aus konnte man das Spiel sehen. Im Hintergrund die in allen Farben angestrahlte Skyline von Mainhatten. Sensationell und eindrucksvoll! Ein paar Gläser Bier, Frankfurter Würstchen, bunt gemischte Fans. Kurzum eine Riesenfete!

Am nächsten Morgen versammelten wir uns, um dann gemeinsam zum Stadion in Frankfurt zu fahren. Um unsere Abwehrkräfte war es so bestellt, wie die der Deutschen Nationalmannschaft beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Super-geiles Tor von Phillip Lahm und gewonnen. Der Rest war Wurst.

Spiel drei stand an. England gegen Paraguay. "God save the Queen" und alle Köche, die bei der WM arbeiten werden! Am Stadion in Frankfurt angekommen gab es erst einmal "Fechtjacken". Für mich persönlich gab es keine dieser "Fechtjacken", wie ich sie mal liebevoll nenne.  Zu klein. Nicht meine Größe. Gott sei Dank! Sammeln, durchzählen und im Entenmarsch zum Stadioneingang. Erst mal zum Security Check. Waffenkontrolle !

Jeder Koch durfte nur sechs Werkzeuge, sprich Messer, mit ins Stadion nehmen. Dies wusste jeder spätestens seit seiner Akkreditierung und jeder Koch bekam dies mündlich mindestens 100 Mal zu hören und schriftlich dazu. "Haste noch Kippen"? "Das dauert hier, bis wir reinkommen"!  Unglaubliche eineinhalb Stunden dauerte es, bis wir alle durch diese "Waffenkontrolle" gekommen sind.

Ein paar Köche hatten Ihren gesamten Messerkoffer mitgeschleppt und ihr Hirn am Mainufer am Vortag schlichtweg liegengelassen! Wozu braucht man bitte ein sechsteiliges Schnitzwerkzeug, zwei Wetzstähle und unzählige Messer wovon die Hälfte nicht einmal scharf genug war, um dem WM-Ball die Luft rauszulassen!? Dabei habe ich die unzähligen Leathermen und sonstigen "Käsemesser", die in den Hosentaschen versteckt waren, nicht mitgezählt.

Bewegen wir uns mal langsam Richtung VIP-Zelt. Da erwartete uns der Caterer, bei dem wir eingeteilt waren. Sicher nicht mit Kaffee und Kuchen, sondern mit zornigem Blick und einer Menge Infos. Briefing war angesagt. Wir wurden auf die einzelnen VIP-Bereiche aufgeteilt. Jeder bekam seine Aufgabe und los ging's. Alles schön. Alles Toll. Groß und Geräumig. Der VIP-Bereich halt. Ausgestattet mit edlen Sitzgruppen, Flachbildschirmen und Hightech vom Feinsten. Die Küchen waren zweckmäßig eingerichtet. Kühlhäuser, Arbeitstische, Ablagen, Öfen und sonstiges Material waren gut eingeteilt und aufgestellt.

Das Personal war angewiesen, nicht auf die Flachbildmonitore während des Spiels zu schauen! Eine gewisse Disziplin muss sein. Aber erzähl' mal einem fußballbegeistertem Koch und den Lady`s aus dem Service, nicht auf den Monitor zu gucken wenn Beckham spielt! Wir arbeiteten für ein französisches Catering - Unternehmen an diesem Spieltag. "Qui Chef" !, hieß es ab sofort. Obwohl französisch Küchensprache Nummer eins ist, konnten nur drei Köche von uns diese Sprache.

Eine sehr gut aufgestellte Truppe aus Frankreich. Gut organisiert, perfekte Absprachen und Anweisungen. Die Anweisungen der Franzosen wurden uns anderen Köchen übersetzt. "Was hat er gesagt"? "Keine Ahnung. Mach einfach"! "Qui Chef" ! Also gingen wir ans Werk. Erst mal Baguette aufbacken und die VIP-Buffets einrichten.

Als die englischen Fans anfingen, Ihre Nationalhymne zu schmettern stand selbst das Baguette wie eine eins! Man wollte mitsingen. Alle Körperhaare stellten sich auf. Gänsehaut pur! Alles verlief reibungslos. Gäste zufrieden und der Caterer aus Frankreich war es auch. Wir Köche zogen ab ins nächste Stadion, zum nächsten WM-Spiel. Alle Mietköche hielten Kontakt untereinander. Man war immer auf dem Laufenden, was in welchem Stadion beziehungsweise in den Küchen gerade abging.

Beim Spiel Italien gegen Ghana ging es drunter und drüber. Ein Catering-Unternehmen aus Deutschland hatte sich verkalkuliert. Nach rund 30 Minuten gab es im VIP-Bereich nichts mehr zu Essen! Die italienischen VIP-Gäste schmissen mit Messern und Gabeln nach den Köchen! Verbale Flüche in italienischer Sprache Richtung Köche. "Alle Mann in Deckung" ! "Die flippen aus und bringen uns um"! GN-Einsätze dienten den Köchen als Schutzschild! Dabei hatte das Spiel noch gar nicht angefangen. Stühle und Teller flogen durch das VIP-Zelt. Köche suchten Schutz im Backbereich des VIP-Zeltes.

Verantwortliche des Catering-Unternehmens versuchten, Speisen aus anderen Stadien des Caterers zu ordern. Fehlanzeige! In anderen Stadien waren deren Buffets ebenfalls "platt". "So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt", schilderte ein Koch, der vor Ort war. Er steckte sich die dritte Zigarette in Folge an und schilderte uns das "Spiel" Italien gegen Köche.

Ein "Sommeralptraum" nimmt seinen Lauf.

Ende Teil 4 / Fortsetzung folgt am 15.07.10


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