Die Zimmernummer aus 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten'
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Die Zimmernummer aus 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten'

30.01.2014 | François Loeb
Lesen Sie hier das abgeschlossene Kapitel 'Die Zimmernummer ' aus dem Buch 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten', das wir kürzlich vorgestellt haben. Auch hier geht es wieder über eine Geschichte, über die man länger nachdenken kann, wenn man will!
Ja, wenn Sie mich so fragen..., da erinnere ich mich an ein Erlebnis, das mich doch sehr beeindruckt hat. Es war in der Vorsaison. Schneereste lagen noch weit hinunter auf den Flanken des Piz Nairs. Es war abends so gegen Zehn. Mitten auf der Strasse dort gegen den Berg hin fuhr ich von einer Bahnabholung in ein Chalet, ein schöner Besitz zurück zu meinem Standplatz direkt am Bahnhof der rätischen Bahn. Das Benutzen dieses umsatzträchtigen Standortes kostet mich jährlich eine Stange Geld, das kann ich Ihnen sagen.

Also ich fahre zurück, durch das Wäldchen, meine Scheinwerfer bohren Löcher in die Schwärze, da sehe ich eine Dame auf der Strasse, welche aufgeregt Haltezeichen mit beiden Händen von sich gibt. Nun wir Taxifahrer sind vorsichtig und gerade eine hübsche Frau am Strassenrand löst allerhand Alarmsignale in uns aus. Eine Falle? Ein Überfall? Eine Frau in Not, oder einfach ein Fahrgast? Blitzschnell müssen wir unsere Entscheidungen treffen.

Natürlich hilft die Erfahrung dabei und meine siebenundzwanzig Jahre hinter dem Steuer eines Mietwagens kommen mir dabei zustatten. Im Fall den ich Ihnen erzähle sah die Frau hilflos aus...verloren, nicht im Wäldchen, nein auf dieser Welt. Ich hielt deshalb an, liess mein Fenster nach unten gleiten, die Frau kam näher, sie hatte ein Flackern in ihren Augen, sah aus als ob sie auf der Flucht vor etwas Beängstigendem sei. "Verzeihung", sprach sie mich an, "können Sie mich zum Bahnhof bringen? Sie sind doch ein Taxi? Oder etwa nicht?" Dabei sah sie zum beleuchteten Schild auf dem Dach meines Wagens hin.

‚Klassisches Profil, wie eine griechische Göttin sieht die Frau aus,’, dachte ich. ‚Wie Aphrodite. Die Schaumgeborene! Einzig etwas älter.’
"Natürlich" erwiderte ich. "Steigen Sie ein!"
"Einen Augenblick, mein Koffer" und sie verschwand in der Dunkelheit des Wäldchens um alsogleich mit einem grossen schwarzen mit Erdkrusten bepflasterten Koffer wieder zu erscheinen. Eine neue Alarmglocke schrillte in meinem Kopf. 'Du musst aussteigen. Kofferraum öffnen. Idealer Augenblick für einen Überfall'. Doch die Frau sah so hilflos aus. ‚Sie kann doch nicht… , nein die nicht’.
Ich vertraute ihr.

Stieg aus, verstaute den schmutzigen Koffer, hielt ihr den Türschlag auf, dachte an die nächste Wagenreinigung, denn ihre Schuhe waren noch schmutziger als der Koffer, ganze Erdklumpen hingen an ihnen, die Frau musste quer durch den Wald gelaufen sein.

"Verzeihen Sie", sagte sie erneut, es schien Ihre Lieblingsredewendung zu sein, "verzeihen Sie; ich bin so durcheinander... kann mich kaum auffangen. Zweifle an meinem Verstand. Unglaubliches ist mit mir geschehen. Ich will nach Hause!"
"Aber gute Frau", sofort stellte ich mir stumm die Frage, ob gute Frau die richtige Anrede sei, oder sie aus dieser ableiten könne ich nähme sie nicht für voll.
"Beruhigen Sie sich doch, steigen Sie ein, es wird sich bestimmt eine Lösung finden. Aber erzählen Sie was vorgefallen ist!" Diese Aufforderung zur Offenlegung wende ich immer an, denn in einem gewissen Sinn und bei besonderen Umständen sind unsere Hintersitze zu vergleichen mit einer Psychiater Couch, auch wenn man nicht auf ihnen  liegen kann, aber wie dort ist es den Erzählenden  nicht möglich uns in die Augen zu blicken Sie legen deshalb wohl rascher ihre Sprech- und Mitteilungshemmungen ab. Bei dieser so attraktiven, ausdrucksvollen im besten Alter stehenden Frau war das der Fall.

"Ich wohne hier im Hotel Splendid. Oder besser gesagt, ich muss mich korrigieren, ich wohnte hier im Hotel Splendid. Mit meinem Mann. Wir verbringen einen Teil der Flitterwochen hier. Den Aufenthalt im Splendid haben die Schwiegereltern uns als Hochzeitspräsent geschenkt, wir könnten uns nie ein so teures luxuriöses Hotel wie das Splendid leisten und so eine Suite... unvorstellbar. Einen Zimmerkellner und einen Butler auf Abruf. Ein Bad so gross wie unser Wohnzimmer zu Hause und mein Mann, er verwöhnt mich so. Ach Gott verwöhnte mich so!" Ich vernahm ein Schniefen auf dem Rücksitz und als ich den Rückspiegel richtig einstellte, sah ich, dass die junge Frau weinte.

"Nun, nun, nehmen Sie das Leben doch nicht einzig von der tragischen Seite... , ist Ihnen, wenn ich so indiskret fragen darf, ihr frisch vermählter Ehemann abhanden gekommen? Haben Sie sich verkracht? Sie wissen das geschieht fast täglich bei Neuvermählten, umso wundervoller ist dann die Versöhnung!"

Diese Frau brachte mich ins Schwärmen, war es ihre Ausstrahlung? Jedenfalls träumte ich den Friedensschluss mit ihr. Musste herrlich sein... so eine Aussöhnung mit dieser Dame! ‚Ich würde das halbe Taxi dafür geben, oder doch den Kofferraum, samt erdenreichem Gepäck’, sprang ein Gedanke koboldgleich mich an. Ja wissen Sie ohne Humor wäre unser Beruf nicht zu ertragen. Zu viel Elend sehen wir im Laufe eines Arbeitsjahres.
Die Frau brach jetzt nach meiner unvorsichtig und zu direkt gestellter Frage erst recht in Tränen aus.

„Wie können Sie so gemein sein und nur so etwas denken! Wir lieben uns doch! Jetzt endlich am Ziel unserer Träume, gegen alle Widerstände seiner Verwandtschaft, jetzt sollten wir uns streiten? Nein, wo denken Sie nur hin.“

Draussen glitt die Dunkelheit vorbei, ich fuhr bewusst sehr langsam, denn die Distanz zum Bahnhof betrug von dieser Stelle aus nur drei Komma fünf Kilometer und mir schien, sie habe noch so viel zu erzählen. Wolle sich mitteilen. Sich mitteilen um das Vorgefallene verstehen zu können, denn noch immer war ihr Gesichtsausdruck der eines vollkommenen Unverständnisses. Sie sah aus, als ob ihr eine Schar Geister aus der Unterwelt im Wäldchen begegnet sei. So umfassend hilflos und entgeistert war ihr Blick!

„Nein es ist so grauenhaft“, fuhr Sie jetzt wispernd fort, als würde die eigene Stimme ihr Furcht einjagen können, „unsere Suite im Splendid liegt im obersten Geschoss, im Sechsten. Die Zimmernummer ist die 606. Heute Mittag nun wollte ich im Kurort Bummeln gehen, besser gesagt Schuhe ansehen, Sie wissen ja, Frauen lieben das und Männer etwas weniger, so schlüpfte ich aus dem Zimmer, als mein Mann ein Schläfchen nach dem Mittagsmahle hielt, eine Gewohnheit welche er sich während des Studiums zugelegt hatte, als Ausgleich zum Nächtelangen Lernen sozusagen, besuchte alle Schuhauslagen, sah mich in den Geschäften um. Verliebte mich in dieses und jenes Paar, entschied mich aber zu keinem Kauf und eilte zurück ins Hotel, wollte ich doch bevor mein Mann aufwachen würde wieder im Zimmer sein.

Im Splendid eingetroffen, den Zimmerschlüssel in der Hand, fuhr mich der Liftboy geräuschlos im Fahrstuhl wie gewünscht zum sechsten Stock, öffnete die Türe und deutete als ich den Lift verliess eine Verbeugung an. Ich schritt nach links, die geraden Zimmernummern  waren dort aufzufinden, wunderte mich über das erste Nummernschild welches die 6002  angab, denn ich hatte einzig dreistellige Ziffern im Gedächtnis, analog der meinen, aber wer weiss, möglicherweise war ich zu verliebt gewesen um das zu erkennen und wahrscheinlich hatten einzig die Suiten das Privileg mit drei Zahlen auszukommen, lächelte ich in mich hinein, denn schliesslich war das Hotel ja ein grosses vierkantiges imposantes Gebäude und musste eine Unzahl von Räumen in seinem Inneren wissen.

Es folgten Schilder mit 6004, 6006, 6008, ich kam mir bereits ganz fremd vor und ein kaltes Rieseln lief durch mein Rückenmark. Als ich verunsichert einige Schritte zurück lief, änderte das nichts an der Tatsache der Nummerierung. Kräftig kniff ich mich dann in den Arm, doch ich befand mich so wenig in einer Traumwelt wie jetzt… oder? Ich träume doch nicht? Sie sind doch real und fahren mich zum Bahnhof… entspricht das der Tatsache?“

„Ja gnädige Frau“, erwiderte ich.

„Nun ich kam bald einmal zu den ungeraden Zimmernummern. Alle auch vierstellig. Sie endeten kurz vor dem Fahrstuhl mit dem Schild 6001. War ich im falschen Hotel? In einem anderen Stockwerk? Das konnte doch nicht Wirklichkeit sein… und war es doch. Ich nahm meinen Schlüssel zur Hand. Ein ziselierter Schlüsselhalter. Kalt anzufassen. Messing. Auf ihm prangte die 606 mit Strasssteinen eingefasst. Weil es eine so teure Suite war, dachte ich. Was für Unsinn kommt einem in den Sinn, welche Nebensächlichkeiten in höchster Not. Und in dieser war ich. Mein Zimmer. Mein Mann! Wo waren die. Gab es eine versteckte Treppe zur Suite? Erinnern konnte ich mich keineswegs daran.

‚Beruhige Dich’, sprach ich mir selbst zu, denn ich war so erregt, dass meine Hände und die Kniekehlen heftig zitterten. ‚Du musst ruhig bleiben. Nur so meisterst Du die Geschichte. Diesen Horror’, sagte ich mir selbst. ‚ Ruf den Fahrstuhl. Sage dem Piccolo er solle Dich zum Zimmer führen, Du hättest Dich verlaufen, oder noch besser Du würdest Dich ängstigen, hättest ein ungutes Gefühl und er sei stark, könne dir mehr als behilflich sein. Und dazu ein unwiderstehliches Lächeln, die Hand auf seinen Arm. Er wird Dich führen und der Albtraum wird vorüber sein’, sagte eine dunkle Stimme in mir selbst, sie ähnelte der meines Mannes und gab mir die nötige Ruhe den Plan auszuführen. Mit dem Klingelzeichen orderte ich den Fahrstuhl, der Piccolo freute sich sichtlich mir zu dienen, seine Augen glänzten. War es Dienstbeflissenheit oder etwas anderes? Verlangen gar? Nun mir war weder nach Scherz noch nach Flirt zu Mute, so reichte ich ihm den Schlüssel ohne ein Wort zu sagen und machte eine Bewegung, er solle mir voran gehen. Wie selbstverständlich nahm er den Schlüssel zur Hand, betrachtete ihn lange, wiegte den Kopf hin und her, beinahe verneinend und doch nicht ganz, sah mich erneut an, murmelte ‚dieser Schlüssel… , nein solche haben wir nicht hier im Haus und die 606, nein diese Zimmernummer, es tut mir leid’ und es tat ihm sichtlich leid, sein Gesicht ward länger, schmaler, es drückte mehr als Mitgefühl aus.“

In der Zwischenzeit hatte ich den Bahnhof erreicht, hielt etwas abseits, mein Fahrgast schien nicht zu bemerken, dass wir nicht mehr fuhren, ich stellte den  Taxameter ab, hörte weiter mit zunehmender Anspannung ihrem Bericht zu.

„Darf ich Sie bitten, sagte er mir dann, führte mich zum Fahrstuhl, bat mich hinein, wie in Trance folgte ich ihm. Lautlos wiederum glitt der Lift zurück zum Erdgeschoss. Der Piccolo brachte mich zum Concierge. Übergab ihm den Zimmerschlüssel. Bemerkte kurz und knapp gegenüber seinem Vorgesetzten ‚die Dame sucht ihr Zimmer’, deutete erneut eine kurze Verbeugung an, leicht rutschte dabei seine kreisförmige rote Mütze nach vorn und begab sich erneut zu seinem Arbeitsplatz. Der Mann in Uniform, er hatte graue Haare und musste so um die sechzig Jahre alt sein, nahm den Schlüssel, drehte ihn in der Hand, sah mich lange an, lächelte. „Da sind Sie ja endlich! Sie haben uns aber einen Schrecken eingejagt als Sie mitten in den Flitterwochen vor siebzehn Jahren einfach unwiederbringlich verschwanden. War das ein Aufruhr im Hotel…, die Polizei, die Verwandtschaft und ihr Mann…untröstlich. Aber da sind Sie ja wieder! Ich habe immer gesagt, sie taucht wieder auf, eines Tages, Geduld muss man haben, vor allem als Concierge. Ich habe übrigens Ihren Koffer aufbewahrt und eingestellt. Ich gehe ihn im Keller gleich holen. Nehme an, dass Sie diesen als Souvenir mit sich nehmen wollen bei der Abreise. Sie reisen doch noch heute Abend ab?

Und bevor ich Antwort geben, oder besser noch Fragen stellen konnte, war der graumelierte Herr verschwunden und kam nach zehn Minuten mit meinem Koffer zurück, rief den Piccolo, und flüsterte mir zu, ‚bevor wir Aufsehen erregen, oder gar die Polizei einschalten, rate ich Ihnen rasch den Ort zu verlassen…,Sie  wurden ja damals gesucht, der Schmuck und die ganzen Kleider und das Checkheft…, Sie wissen schon!’

Das Schlimme ist, ich weiss von Nichts. Danke, dass Sie mich gefahren haben!“

Sie stieg aus.
Ich gab Ihr den Koffer.
Sie ging langsamen Schrittes zum Bahnhof.
Drehte sich nochmals um.
Hob die linke Hand zum Abschied.
Jetzt schien Sie mir bedeutend jünger…!

Der Buch ist erschienen bei Allitera.de

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