Die Anstandsdame Michèle Ségouin zu Benimmregeln: Der Gentleman von heute
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Die Anstandsdame Michèle Ségouin zu Benimmregeln: Der Gentleman von heute

13.04.2012 | Oscars Verlag AG
Die Rolle der Gastgeberin musste ich mir nicht erst aneignen. Nein, sie war für mich von Anfang an massgeschneidert: Es ist die Rolle meines Lebens. Den Gästen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihnen beratend zur Seite zu stehen oder einfach das Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln, wurde für mich zur Berufung. Huete berichte ich über Gentleman von heute - Nicht zu viel und nicht zu wenig: Ein Balanceakt, der gelernt sein will
Michèle Ségouin, Bildquelle Oscars Verlag AG
Michèle Ségouin, Bildquelle Oscars Verlag AG
Nach meiner Ausbildung zur diplomierten Hôtelière-Restauratrice HF in Chur durfte ich spannende und länderübergreifende Erfahrungen sammeln: Mein Weg führte mich vom edlen Gourmetrestaurant in Nizza über eine kleine, aber feine Vinothek bis hin in eine simple Jugendherberge in Costa Rica.

Meinen Rucksack habe ich mit allerhand Lebenserfahrungen, interessanten Begegnungen und natürlich einer Portion Kompetenz gefüllt. Wissen, das mich heute darin bestätigt, dass Umgangsformen die wirklichen Schlüssel zum Erfolg sind. In meinen Adern pocht meine Vision, Ihnen mein Wissen weiterzugeben. Ich möchte anderen Menschen jenen Schlüssel in die Hand drücken, der Ihnen zeigt, wie man verschlossen geglaubte Türen mit passenden Umgangsformen öffnen kann.

Doch nun zum Thema: Innerhalb von nur einer Woche stellten mir sowohl ein 90-jähriger Herr als auch ein Nachbarsjunge im zarten Alter von 12 Jahren ein und dieselbe Frage:

Liegt ein Gentleman heutzutage noch im Trend?“
Meine Antwort lautete in beiden Fällen - und ich sprach hoffentlich im Namen aller Frauen – JA NATÜRLICH. Doch die Frau von heute lässt sich nicht mehr so einfach blenden und stellt somit hohe Ansprüche an die Männerwelt: Sie will nicht zu viel und auch nicht zu wenig vom Gentleman – Dasein geniessen. Dieser Balanceakt, der einem Seiltanz ähnelt, konfrontiert Mann von Welt zum einen mit einer grosse Herausforderung, zum anderen mit einer ernüchternden Feststellung:

Die Gentleman – Manieren wollen von der Pike auf gelernt sein: Der Herr geht in den meisten Fällen zu Madames linker Seite, um sie vor vorbeieilendem Ross samt Wagen zu schützen. Geht es dann zum romantischen Dinner ins feine Restaurant, hält er ihr selbstverständlich die Türe auf.

Doch allein diese zweite Lektion im Rosenkavaliers-Training verbirgt einige Tücken: Hält er ihr die Türe auf, ohne jedoch selbst einen Blick ins Lokal werfen zu können, nimmt es der vermeintliche Göttergatte in Kauf, dass seine Begleitung womöglich ungesittetes Verhalten zu Gesicht bekommt, was es tunlichst zu vermeiden gilt. Folglich öffnet er sanft die Türe, geht voran und versucht, einen Blick auf das Geschehen zu ergattern.

Ist dies genehm für eine zarte Lady, hält er die Türe so auf, dass sie ihm bequem folgen kann. Ist kein Ober zur Stelle, führt der Herr seine Begleitung zum Tisch und offeriert ihr selbstverständlich den Sitz mit bestem Panorama, auch wenn er infolgedessen an die Wand starren muss. Wer Eindruck hinterlassen will, zücke das erste As aus dem Ärmel: Frauen zeigen sich in den meisten Fällen besonders angetan, wenn ihr Begleiter ihr den Stuhl zurechtrückt. Während der wärmeren Jahreszeit zeigt sie eventuell bereits ein erstes, schüchternes Lächeln der Anerkennung.

Doch wohin mit dem sperrigen Kunstnerzmantel wenn es draussen schneit? Kaum im Lokal angekommen, hilft der Kavalier seiner Angetrauten aus dem Mantel. Erst nachdem sie sich im Freien weiss, hilft er sich selbst aus der Jacke.

Vorsicht Stolperstein: Beim Verlassen des Lokals geschieht dieser Ablauf jedoch in umgekehrter Reihenfolge: Selbstverständlich zieht er sich als erster die wärmende Bekleidung über, bevor er ihr nun in den Mantel hilft. Er tut dies, damit Madame nicht unnötig ins Schwitzen kommt.

Apropos Schwitzen: Wer übernimmt eigentlich die Rechnung? Wenn man(n) richtig punkten will, übernimmt er still und heimlich „il conto”. Was ebenfalls viele Zeitgenossen ins Schwitzen bringt, ist die Frage, ob nun er oder sie bei einer Treppe voran geht. Geht es aufwärts, klettert sie voran, geht’s hinunter, geht er als erster. Dies geschieht aus reiner Vorsicht, denn würde die Dame stürzen, könnte er sie in beiden Fällen mit seinen starken Armen auffangen und ein weiteres Mal richtig glänzen.

Die Königsdisziplin eines jeden angehenden Gentleman ist im Übrigen die richtige Auswahl von Präsenten. Eine rote Rose spricht Bände, ein Bügeleisen sagt alles, autsch!

Mehr Info: www.dieanstandsdame.ch

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