'Hotel zur Sonnigen Weltenuhr' aus 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten'
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'Hotel zur Sonnigen Weltenuhr' aus 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten'

21.01.2014 | François Loeb/ Hotelier.de
Das Buch 'Sternenzimmer und andere Hotelgeschichten' hatten wir letzte Woche vorgestellt. Sie mögen Geschichten, die sich im Hotel abspielen, wohlmöglich das skurille, mysteriöse und unheimliche? Dann lesen Sie kostenlos als Auszug aus dem Buch die geheimnisvolle Geschichte 'Hotel zur Sonnigen Weltenuhr'
Ich fahre mit der Bahn von K. nach R, eine lange anstrengende Fahrt in einem übervollen Zug. Die Sitze sind eng, die Reisenden abgespannt und aggressiv. Ich trage mit meinem Sitznachbar ein Armlehngefecht aus, das mit stechenden Grenzverletzungen still beginnt, um dann nach drei vollen Stunden der Provokation in einen lauten Wortkrieg überzugehen, an dem sich schlussendlich ein Dutzend Menschen beteiligen. Ein weiser weißhaariger Mann, gut aber einfach gekleidet, bietet mir an, seinen Sitz gegenüber einzunehmen. Er sei schlank und vermöge besser Grenzverletzungen zu vermeiden. Ich nehme das Angebot mit Freuden an, denn den Störenfried endlich los zu sein - zu fest hat sich mein Inneres bereits auf Krieg eingestellt - ist eine Erlösung! Ich komme mit meinem Wohltäter ins Gespräch.

Wir diskutierten über den Teufel und die Gegenwelt, kommen vom Hundertsten ins Tausendste und landen bei der Beschreibung von kulinarischen Köstlichkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten im Anschluss von Weindegustationen, um Unannehmlichkeiten mit dem Fahrausweis zu vermeiden. Der Friedensunstifter, mein einstiger Nachbar, versucht auch bei ihm Ellbogensticheleien, die dieser jedoch nicht nur nicht beachtet, sondern den Kerl im Luft- und Wortlosen Raum in Eiseskälte stehen lässt. Mein Wohltäter lobt, als er vernimmt, dass ich nach R. fahre das ‚Hotel zur Sonnigen Weltenuhr' so über alle Massen, dass er meine in mir schlummernde grenzenlose Neugier zu wecken weiß.

In R. angekommen, mein Gegenüber ist, wie übrigens auch mein Ellbogengrenzkrieger, bereits in N. ausgestiegen, komme ich nicht umhin meinen Taxifahrer zuerst zu beauftragen mich zu besagtem Hotel zu fahren, obwohl ich im Continental, dem ersten Haus am Platz, eine durch Kreditkartennummer gesicherte Reservation besitze. Ich bitte den Fahrer kurz zu warten, trete in das Hotel zur sonnigen Weltentuhr ein. In ihm herrscht ein lärmstummes Ticken, denn an jedem freien Platz im Hause, insbesondere an den Wänden sind Uhren aufgemacht, deren Genauigkeit durch einen Zeitdompteur gesichert wird. Dieser mutige Mann soll früher in einem berühmten Zirkus Silberfischchen dressiert und in ihre Schranken gewiesen haben, was er nun mit den Sekunden im Hotel zu vollbringen hat.

Ich erkundige mich nach den Zimmerpreisen die durchaus vertretbar und deutlich unter jenen des Continentals liegen. Ich befrage den Concierge was es mit den Uhren im ganzen Haus, an der Fassade habe ich übrigens eine riesige Sonnenuhr entdeckt, auf sich habe und bekomme zur Antwort, dass das Haus für seine Gäste Zeit domestiziere. Es sei zwar das erste Etablissement in der Welt das diesen so nützlichen und bekömmlichen Service biete und feile deshalb noch an seiner Vervollkommnung. Es komme noch, doch immer seltener vor, dass sich Sekunden in Brotlaibe zu retten suchten, was beim Verspeisen unangenehme Knacklaute, aber dies sei der einzige Nachteil, hervorrufen könne. Minuten hingegen seien bereits im Aufzug gesichtet worden, wenn sie ihren Stunden nachzueilen hofften und die Segnungen der modernen Technik dafür in Anspruch nähmen. Es sei klar, dass eine fehlende Stunde einiges an Durcheinander kreieren könne, denn irgendwo fehle diese dann und sei uneinholbar verloren. Aber die Technik sei daran die Anlaufprobleme zu beheben und diese gebe es wahrlich nicht einzig bei der Zeit! Ein herzliches, offenes Lachen begleitet die Worte, sodass ich mich sofort entscheide in diesem Hotel zu verweilen. Ich frage nach einem Zimmer in der höchsten Kategorie, was mir der Mann hinter der Theke gleich zusagt, wobei ein maliziöses Lächeln über seine linke Backe huscht das er sogleich unterdrückt, sodass es  nicht auf die rechte übergreifen kann.

"Zimmer drei drei drei ist noch zu haben. Da es in der Nähe der Zeitkontrollstelle des Hauses liegt" - weshalb liegen Zimmer immer? -," kann manchmal Sekundenverschnitt durch die Lüftung einfallen. Absolut ungefährlich, dafür kann ich Ihnen einen Super Schnäppchenpreis anbieten. Sie erhalten auf dem normalen Zimmerpreis 25 % Umstands- und dazu noch 10 % Zeitrabatt."

Obwohl ich mir unter Sekundenverschnitt nichts vorstellen kann, willige ich ein, lasse den Koffer beim Taxi abholen, eile zum Fahrer um ihn zu bezahlen, fülle das Ankunfts-Formular (alles muss ja schließlich seine Ordnung haben) aus, gebe einen Abdruck meiner Kreditkarte dem Hotel in Verwahrung und folge dem Kofferträger in das Zimmer 333. Er verabschiedet sich mit einem Nicken, nachdem eine große Münze die Hand gewechselt hat. Doch beunruhigt mich, dass jetzt auf seiner rechten, wohlverstanden nicht auf seiner linken, Wange dasselbe maliziöse Lächeln wie vorher an der Loge erscheint und er dieses sogleich unterdrückt, damit es nicht die linke Wangenseite erreichen kann.

Die 333 ist durchaus geräumig. Das Bett - ich lege mich in jedem Hotel gleich nach Ankunft angekleidet, testend, federnd auf die Bettstatt - ist nicht zu hart, aber auch nicht zu weich, was ich aufs hässlichste hassen würde. In einem Bett wie in Meeresschlick zu versinken, womöglich noch zugedeckt durch ein gewichtiges Federbett unförmigen Ausmaßes, ist mir mehr als ein Gräuel, es ist für mich ein sofortiger Ausziehgrund. Verstehen Sie mich richtig. Ausziehen im Sinne des Auszugs und nicht der Schlafvorbereitenden Kleiderentledigung. Die Möblierung glänzt durch Schlicht- und Bescheidenheit. Einen Schreibtisch aus Tannenholz, Fichte, oder Ähnlichem, in dem die Jahrringe des vor Jahren gefällten Baumes sichtbar sind. Ein Lehnstuhl aus Nappaleder. Auf dem runden Beistelltisch eine Schale Obst mit den Grüßen der Direktion und den Wünschen nach einem ersprießlichen Aufenthalt. ‚Ersprießlich'? Kann ein Aufenthalt sprießen?

Ist wohl die Mundart dieses Menschenschlages der in diesen Zeilen seinen Niederschlag findet. Vor dem Fenster brennt eine Straßenlaterne. Beleuchtet mit Eifer den Nieselregen, der Blumen und schlechte Laune sprießen lässt. Ich fühle. wie diese in mir aufsteigt, denn von den Versprechungen meines Spitzellbogenkriegserretters sehe ich nichts. ‚Da wäre das Continental doch drei Stufen besser', denke ich und erwäge gar einen Auszug. Nicht aus Ägypten. ‚Eher Umzug' korrigiert mein angeborener, in mir fest in einem homogenisierten Essiggurkenglas verschlossener, angeborener Lehrer.

Was mich stört, beinahe ärgert, ist das Fehlen eines Fernsehgerätes, spielt doch meine Fußballmannschaft heute Abend in der Champions Liga. Werde also wirklich abziehen, umziehen, fortziehen. Diesem Hotel trotz aller Vorschusslorbeeren entsagen müssen. Also kein Kofferauspacken. Aber ein Apfel wird einem Gast wohl nicht verwehrt sein dürfen. Selbst einem Minutengast, der nicht zahlt. Ich greife in die Früchteschale, nehme einen knallgrünen, beinahe giftig aussehenden Apfel in die Hand. Denke dabei an Schneewittchen. Ich liebe den hohen Säuregehalt der mein Inneres zusammen zieht. Die Nervenzellen in mir berieselt. Auf ihnen Harfe spielt. Als ich in die Frucht beisse, fühlt diese sich unter meinen Zähnen künstlich an...und schmeckt doch nach meinem Gusto.

Ich erschrecke nicht unerheblich und mein Lehrer dreht sich dabei in seinem Glase um, denn statt eines Kerngehäuses erkenne ich im inneren des Apfels eine kleine Kunststoffuhr. Digitalisiert. Ohne Zeiger. Dafür mit einer Zahlenanzeige der über Jahr, Monat, Tag, über Stunden, Minuten, Sekunden, Zehntels- und Hundertstel Sekunden zu berichten mag. ‚Was soll denn das?', empört sich mein homogenisiertes Essigglasinhalt. An der Uhr erkenne ich einen kleinen ziselierten Knopf der sich heraus ziehen lässt.

Ahh, wie bei Deiner Konfirmandenuhr', bemerkt spitzbübisch meine Vergangenheit die in meiner Oberlippe lebt und oft ihre Erfahrungen ihrer unteren Schwester mitzuteilen sucht, die aber nie - mit der Begründung die Ohren seien zu weit entfernt - hören will und einzig die Gegenwart und Zukunft kennt. Ich drehe an dem Ding. Nichts geschieht. Keine Zahl bewegt sich.

 ‚Na ja,', bemerkt die Oberlippe, ‚was hast Du Dir denn dabei erhofft? Solltest doch wissen, dass das Kindereien und Kinkerlitzchen sind. Knöpfe sind für was da?' fragt sie jetzt impertinent.

‚Zum drehen oder halten' grummelt der Lehrer in seinem Essigglas.
‚Ich habe gedreht' weise ich ihn zurecht.
‚Herausziehen und drehen! Vergisst du denn alles was ich Dir in all den Lehrerjahren beibrachte?', spricht er jetzt mit seiner spitzen Pädagogenstimme.
Also ziehe ich den Drehregler, um einen solchen muss es sich ja handeln, heraus.
‚Ein Zeitregler', tönt es hohl aus meinem Bauch. ‚Du bist immer noch ein miserabler Schüler!'

‚Miserabel, miserabel', äfft die Oberlippe ihn in Stakkato nach.
Ich beginne zu drehen. Die Ziffern bewegen sich. Die Stunden. Die Tage. Macht echt Spaß ihnen zuzusehen. ‚Vorwärts, vorwärts', denke ich! Die Unterlippe jubelt dabei. Die Oberlippe zittert. Verzieht ihre Formen. Versucht in den Mund zu fliehen. Was ihr trotz Anstrengung nicht gelingt. 2. Februar 2618, 14.22.44.87 steht auf dem Ziffernblatt, auf dem jetzt deutlich schwarze Bremsspuren zu erkennen sind.

‚Zeitabrieb?, vermerkt die Unterlippe mir ihrem Echobaß.
‚Zeitabrieb, Abrieb, Rieb, B', das Letzte ganz nackt, echot es in meinen Gedärmen. Ich verspüre ungewohnte Schwerkraft. Dunkel ist es. Um zwei Uhr nachmittags? Schwarzes Loch? Atomunfall? Erdachsverschiebung? Nachtseite der Erde? Kalt! Ich friere. Öffne tastend das Fenster. Es heult ein Sturm. Nein gastlich ist diese Zeit keineswegs. Die Apfeluhr hat mich in eine ungewisse Zukunft mit nicht unerheblichen Unannehmlichkeiten katapultiert. Nein 2618. Nein danke. Ich will fort von hier.

‚Du haßt es in der Hand', pfeffert die Lehrerseele mit letzter Kraft aus ihrem Essigglas.
‚Dreh, dreh zurück?, lispelt die Oberlippe.
Die Unterlippe schreit: 'Nnneeeeinn'!
Ich drehe zurück. Oh  Himmel, 12. Juli.1456.09.1.23.66.
Hunger habe ich.
Hell ist es!
So viele Menschen vor dem Hause.
Erregte Menschen.
Mitten auf dem Platz ein Gerüst.
Mit Ketten befestigt eine Frau.
Jung.
Verzweifelt.
"Tod der Hexe" höre ich aus Tausenden von Kehlen.
‚Neeeiiinn', nichts wie fort von hier, schreit die Unterlippe, hält sich an ihrem Oberbau fest, sodass diese nicht in Vergangenheit verharren kann. Das Essiggurkenglas glubscht und wellt seinen Inhalt der Zukunft zu und wispert mit letzter Kraft:
‚Gegenwart! Auf gegen die Gegenwart! Auf, auf warte nicht' und die Lehre des Lehrers lässt sich in die homogenisierte Masse fallen.

Ich drehe verzweifelt am Kranzrad.
Jahrhunderte fliegen. Jahrtausende. Heiß und kalt. Atemlos! Sekundenlawinen brechen los. Jahreswellen. Schrecken. Und alle über mich hinein.
‚Wie, wie kommen wir zum Jetzt?', mischt sich nun meine Zunge ein. Schnalzt, als sei der Zeitengang ein Pferd.
‚Deine Versuchsanzahl neigt sich dem Ende zu. Nicht ewig kannst Du Zeitreisender sein' bemerkt sarkastisch der Instruktor der in Essig liegt. Und Päääng, sein Glas zerbricht. Säure breitet sich in meinem Magen aus. Fließt zum beweglichen Ding das die Zeit beherrscht. Ich fürchte mich! Wo werde ich nur stecken bleiben? In welcher Zeit?
Da klingelt laut mein letztes Stündchen.
Furioso!
Unablässig!
Der Alarm des Lebens.
Hört nicht mehr auf.

Es ist der bestellte Weckruf.
"Gut geschlafen der Herr? Hat sie der Sekundenverschnitt nicht zu sehr belästigt?", tönt heiter morgenfarbig die stimmige Stimme des Concierges.
Ein sonniger Tag steht vor der Türe.
Die Sonnenuhr zeigt Gott sei es gedankt, keine Jahreszahl...

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