Das Kudamm Hotel Astrid im existentiellen Druck des Berlin Tourismus
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Das Kudamm Hotel Astrid im existentiellen Druck des Berlin Tourismus

23.01.2017 | Wolfgang Ahrens Hotelier.de

Das kleine Hotel Astrid liegt am Ende der Bleibtreustraße von Berlin, gleich an der Einmündung zum Kudamm. Als ich dort im Dezember 2016 abstieg, lernte ich den sympathischen Hoteldirektor Oleg Dobrikin kennen, den ich auch zur Berliner Hotellerie befragte

Als Liebhaber von kleinen, inhabergeführten Hotels hatte ich bei meinem letzten Berlin Aufenthalt in der schönen ‚Begaswinkel Residenz' übernachtet. Auf der Suche nach einem schnuckeligen Hotel am Kudamm wurde ich mit dem Hotel Astrid in der Bleibtreustraße fündig. Die Bleibtreustraße ist eine beliebte Straße mit vielen kleinen Restaurants, Kneipen und Boutiquen.

Als ich an der Rezeption stand, lächelte mich Herr Dobrikin an und sagte, dobri bedeute in der Russischen Sprache so viel wie 'nett'. Da war das Eis zwischen uns beiden sofort gebrochen, wir mussten herzlich lachen.  

Die Familie Dobrikin kam Anfang der 90er Jahre aus der Ostukraine nach Berlin, auf der Suche nach einem besseren Leben, weg von Unsicherheit und Korruption. Ich hatte die gute, alte slawische Gastfreundschaft schon oft kennengelernt, sei es nun in Lemberg oder Kiew, aber noch nicht in unserer Hauptstadt.

Ich merkte sofort, dass ich in diesem Haus mit seinen kleinen Mängeln genau richtig war. Die schicke Jugendstilfassade des Gebäudes der Bleibtreustraße 20, der alte Fahrtsuhl aus dem Jahr 1904, den man noch selbst verriegeln muss und der alte Charme der Empfangshalle samt opulent geschmückten Weihnachtsbaum heißen den Willkommen, dem das Automatenhotel schnurz ist.

Als ich wieder zuhause war, führte ich mit Oleg ein Interview. Lesen Sie hier mehr über slawische Gastfreundschaft und zwischen den Zeilen, wie überhaupt noch Erfolg in der kleinen Hotellerie möglich ist.   

Oleg, Sie betreiben 2 kleine Hotels in Berlin. Wie sind sie zu diesem Geschäft gekommen?

Meine Eltern erkannten in den 90er Jahren den Bedarf an Hotelbetten für den wachsenden Tourismusmarkt Berlin und fingen 1998 mit einer 9 Zimmer Pension in der City West in Berlin an. Bereits im Jahr 2001 kamen sie durch ihre Gastfreundschaft, die man den slawischen Völkern ja auch so hoch anrechnet, zu einem größeren Betrieb, das Hotel Pension Rheingold mit 18 Zimmern unweit des ersten Objektes. In dieser Zeit wuchs ich heran und in den Betrieb hinein. Sprachen und Kulturen wurden zu meiner Leidenschaft. Ich habe immer wieder meinen Eltern, die den Betrieb hauptsächlich alleine führten, zugeschaut und mich immer mehr in diese Arbeit verliebt.

Ich kann mir inzwischen nichts Schöneres vorstellen als einen Gast mit Informationen und Empfehlungen zu versorgen und ihn mit einem Lächeln wieder zu verabschieden. Wenn dieser dann noch zu einer anderen Zeit wiederkehrt, hab ich alles richtig gemacht und das bereitet mir bis heute große Freude.

Ich habe eine Ausbildung zum Gastronomiefachmann abgeschlossen, die sowohl den Hotel- und Restaurantfachmann als auch den Koch umschloss. Während dieser Ausbildung half ich meinen Eltern im Hotel und arbeitet parallel als Barmann in einer Bowlingbahn, um mir diese Ausbildung zu finanzieren. Mein jüngerer Bruder Julian hat eine Ausbildung zum Hotelfachmann abgeschlossen. Nun sind wir ein Team, um die Eltern zu entlasten. Ende 2009 haben wir dann das Hotel Astrid mit 28 Zimmern übernommen und ein Jahr später das City Hotel Kurfürstendamm mit 41 Zimmern, das wir zusammen mit einem Geschäftspartner bewirtschaften.

Das Hotel Astrid liegt in der Bleibtreustraße am Kurfürstendamm. In der letzten Zeit haben einige vergleichbare Hotels in ihrer Nähe geschlossen. Woran lag das Ihrer Meinung nach?

Plötzlich gab es ein Sterben von kleinen Hotels und Pensionen in der City West, bedingt durch immer mehr Budget Hotels und einem Tourismus, der sich mehr nach Ostberlin verlagerte. Wir aber wollten wegen einem temporären Trend die City West nicht verlassen.  Es schlossen unter anderem das bekannte Hotel Bogota und Hotel Casa in der Schlüter Straße, der Askanische Hof am Kurfürstendamm, das Best Western und die Pension Kettler in der Bleibtreustraße. Dieses Sterben geht weiter. Die Gründe liegen in einem Konglomerat aus unbezahlten Mietzahlungen, Interessenswandlung, daraus resultierendem Verkauf und Ruhestand.

Wo drückt denn den Berliner Hoteliers der Schuh am meisten? Ist die Konkurrenz durch Airbnb und Ketten zu groß geworden oder stimmen die touristischen Rahmenbedingungen nicht mehr?

Es liegt an der Skepsis der Investoren, weshalb all diese Häuser schließen mussten und nicht von anderen übernommen wurden. Skepsis, die sich über die großen Ketten und neuen Hotels begründet, die mehr Rendite bringen. Die Politik steht leider nicht hinter den kleinen Häusern, da diese doch 'nur' 3-5 Arbeitsplätze stellen. Dies hat wenig Einfluss auf die Arbeitslosenzahlen, die aber aus meiner Sicht nicht transparent sind! Diese Skepsis ist berechtigt, denn niemand weiß, was der Gast von morgen erwartet.

Es machen immer mehr große Häuser auf und der ‚Gast von morgen, erwartet alles von morgen', siehe die Thematik ‚Türen öffnen mit dem Smartphone'. Der Gast von gestern war wesentlich angenehmer und simpler zufrieden zu stellen. Das macht das Ganze zu einer großen Herausforderung. Mir macht das Spaß, anderen Kollegen jedoch weniger.

Wie sichern Sie das Überleben des Hotels Astrid? Wir wissen, dass einige Familienmitglieder zum Team gehören. Wären Sie auch noch mit mehr externen Personal wirtschaftlich?

Es besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf zur Erhaltung dieser Familienbetriebe und charakterlich betuchten Hotels. Sie sind auch eine Art Berliner Marke. Immer neue Genehmigungen für - gefühlt - unendlich viele Großprojekte ist da weniger hilfreich. Zu den genannten Hotelschließungen hier das Gegenbeispiel: Wenn 200 Zimmer von 5 kleineren Häusern geschlossen wurden, so haben im Gegenzug 2 Häuser mit mehr als 500 Zimmern eröffnet.

Die Preise sinken in Großhotels aufgrund der Verfügbarkeit und dann überlegt sich der Gast, der eigentlich in das Hotel mit Charme gehen wollte, Geld zu sparen und wählt das neue Hotel von ‚nebenan'. Dort hat er auf jeden Fall einige Gewissheiten,  die ihn eventuell vor der Reise ruhiger schlafen lassen. Wir bemühen uns zusammen mit den Mitarbeitern, die schon viele Jahre bei uns sind, die Stellung zu halten, aber es wird von Jahr zu Jahr schwerer.

Was würden Sie ändern wollen, wenn Sie einen Wunsch an die Politik und Verwaltung der Stadt Berlin frei hätten?

Ich würde mir die Abschaffung von allgemeinen Pauschalisierungen in unseren Stadt-Verwaltungen wünschen. Uns wurde z.B. eine im Mietvertrag von 2008 festgelegte Betriebserweiterung im Haus aufgrund der kurz zuvor eingeführten Zweckentfremdung aberkannt, ohne den Fall näher zu prüfen. Die betroffene Einheit liegt zwischen den Hoteletagen und der Nachbar ist dort aus Lärmgründen ausgezogen. Jetzt wohne ich in dieser Einheit und musste meine preiswerte Wohnung gegen die teure Wohnung tauschen, damit keine Konflikte mit neuen Nachbarn entstehen können.

Der Sinn, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen,  ist hier gescheitert. Zum Verständnis: Das Hotel Astrid kann dadurch 3 weitere Hotelzimmer nicht betreiben, ein neuer Arbeitsplatz wird erst gar nicht besetzt. 

In voraussichtlich 5 bis 10 Jahren wird der Flughafen Tegel geschlossen. Dann wird die City West immer mehr vom Stadttourismus abgeschnitten. Ich wünsche mir generell mehr kulturelle Einrichtungen für die City West, nach der Schließung von TXL umso mehr. Berlin City West bleiben bis auf ein paar Ausnahmen keine großen Sehenswürdigkeiten. Und: Ich bin auch dafür, die  Berliner nach ihrer Meinung zu fragen, bevor weitere große Projekte angeschoben werden.

Oleg, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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